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Deutsche Schmerzliga e.V.


Perspektivwechsel -
Eine Kolumne der Deutschen Schmerzliga, 27.07.2026

Perspektivwechsel #3: Schmerzpatienten – Vom  Defizitmodell zum Ressourcenmodell

Perspektivwechsel #3:
Schmerzpatienten – Vom Defizitmodell zum Ressourcenmodell

Pathogenese erklärt Krankheit. Salutogenese fragt, was Menschen trotz Krankheit gesund erhält.

Wann haben Sie sich das letzte Mal gefragt, was ein chronisch schmerzkranker Mensch besonders gut kann?

Wahrscheinlich noch nie.
Und das ist kein Zufall.

Unser Blick auf chronische Erkrankungen beginnt fast immer mit dem, was nicht mehr funktioniert. Wir erfassen Schmerzen auf Skalen von 0 bis 10, dokumentieren Einschränkungen, zählen Diagnosen, Medikamente und Arztbesuche. Wir beschreiben, was verloren gegangen ist: Beweglichkeit, Belastbarkeit, Arbeitsfähigkeit, Lebensqualität.

All das ist wichtig.
Aber ist das wirklich der ganze Mensch?

Wer viele Jahre mit chronischen Schmerzen lebt, entwickelt Fähigkeiten, über die erstaunlich selten gesprochen wird. Nicht, weil der Schmerz etwas Gutes wäre. Niemand würde sich chronische Schmerzen wünschen. Sondern weil Menschen bemerkenswerte Fähigkeiten entwickeln können, wenn das Leben sie vor große Herausforderungen stellt.

Chronisch schmerzkranke Menschen werden oft zu Experten ihres eigenen Körpers. Sie nehmen kleinste Veränderungen wahr, lernen Warnsignale zu deuten und entwickeln im Laufe der Jahre ein Gespür dafür, was ihnen guttut und was ihre Beschwerden verstärkt. Viele organisieren ihren Alltag mit einer Präzision, die andere nie lernen mussten. Sie planen Kräfte ein, wägen Prioritäten ab und treffen täglich Entscheidungen, für die gesunde Menschen kaum Aufmerksamkeit aufbringen müssen.

Sie entwickeln Geduld.
Improvisationsvermögen.
Ausdauer.

Die Fähigkeit, nach Rückschlägen wieder aufzustehen.

Vor allem aber entwickeln viele etwas, das in unserer leistungsorientierten Gesellschaft fast verloren gegangen ist: die Fähigkeit, den Wert eines guten Tages wirklich zu erkennen.

Natürlich gelingt das nicht jedem und auch nicht an jedem Tag. Chronische Schmerzen können Menschen zermürben. Sie können erschöpfen, entmutigen und den Blick auf die eigenen Stärken verstellen. Gerade deshalb sollten wir diese Stärken sichtbarer machen.

Die Psychologie spricht in diesem Zusammenhang von Resilienz. Ich selbst würde noch einen Schritt weiter gehen. Resilienz ist nicht einfach eine angeborene Eigenschaft. Sie wächst oft genau dort, wo Menschen gezwungen sind, mit schwierigen Lebenssituationen umzugehen. Nicht jeder wird dadurch resilient. Aber viele entdecken Fähigkeiten an sich, die sie ohne ihre Erkrankung vielleicht nie kennengelernt hätten.

Das bedeutet keineswegs, Schmerzen zu verklären.

Ein Marathonläufer entwickelt durch sein Training Kraft und Ausdauer. Niemand würde deshalb behaupten, Muskelkater sei etwas Erstrebenswertes. Genauso wenig macht chronischer Schmerz den Menschen automatisch stärker. Aber er kann Prozesse in Gang setzen, in denen Menschen Fähigkeiten entwickeln, die weit über den Umgang mit ihrer Erkrankung hinausreichen.

Vielleicht liegt genau hier ein blinder Fleck unseres Gesundheitssystems.

Wir fragen bei jedem Arztbesuch nach den Schmerzen.
Nach den Einschränkungen.
Nach dem, was nicht funktioniert.

Wie oft fragen wir nach den Fähigkeiten?
Nach dem, was trotz der Schmerzen gelingt?
Nach den Strategien, die ein Mensch entwickelt hat, um seinen Alltag zu bewältigen?
Nach den Erfahrungen, die anderen Betroffenen helfen könnten?

Vielleicht würden wir dann feststellen, dass Schmerzpatientinnen und Schmerzpatienten nicht nur Hilfe benötigen, sondern selbst über einen enormen Erfahrungsschatz verfügen. Sie sind nicht ausschließlich Empfänger medizinischer Leistungen. Sie sind Experten des Lebens mit einer chronischen Erkrankung.

Das verändert den Blick.

Aus einem Menschen, der vor allem Defizite hat, wird ein Mensch mit Ressourcen. 
Aus einem Patienten wird ein Partner.

Und aus einer Krankheit wird nicht nur ein medizinisches Problem, sondern eine Lebensaufgabe, an der man wachsen kann, ohne sie sich jemals gewünscht zu haben.

Vielleicht sollten wir deshalb im Gesundheitswesen häufiger eine einfache Frage stellen.

Nicht nur:

„Was macht Ihnen Ihre Erkrankung unmöglich?"

Sondern auch:

„Was haben Sie durch den Umgang mit Ihrer Erkrankung über sich selbst gelernt?"

Ich vermute, wir würden Antworten hören, die in keiner Krankenakte stehen.

Und vielleicht wäre genau das der Beginn eines neuen Verständnisses von chronischer Erkrankung.

Nicht der Schmerz definiert den Menschen.
Der Mensch entscheidet, was er trotz seines Schmerzes aus seinem Leben macht.
Und unverändert gilt: Manchmal verändert ein Perspektivwechsel nicht die Wirklichkeit – aber unser Leben mit ihr.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute Woche

Ihr

Michael A. Überall
Präsident der Deutschen Schmerzliga

Wenn Sie uns Ihre Meinung dazu mitteilen wollen,
dann schreiben Sie uns gerne an:

info@schmerzliga.de
Stichwort: Perspektivwechsel #3 (Schmerzpatienten)

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