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Deutsche Schmerzliga e.V.

 

Perspektivwechsel -
Eine Kolumne der Deutschen Schmerzliga, 20.07.2026

Perspektivwechsel #2:
Resilienz – Warum Akzeptanz kein Aufgeben bedeutet


Perspektivwechsel #2:
Resilienz – Warum Akzeptanz kein Aufgeben bedeutet.
Pathogenese erklärt Krankheit.
Salutogenese fragt, was Menschen trotz Krankheit gesund hält.

Es gibt kaum ein Wort in der Schmerzmedizin, das so häufig missverstanden wird wie Akzeptanz.

Wenn Ärztinnen oder Ärzte einem Menschen mit chronischen Schmerzen sagen: „Sie müssen lernen, Ihre Erkrankung zu akzeptieren“, hören viele Betroffene etwas völlig anderes. Sie hören: Finden Sie sich damit ab. Geben Sie den Kampf auf. Leben Sie eben damit.

Kein Wunder also, dass dieses Wort nicht gerade Begeisterung auslöst.

Auch ich habe lange Zeit so gedacht. Für mich klang Akzeptanz nach Kapitulation – nach dem stillen Eingeständnis, dass sich nichts mehr ändern würde. Heute sehe ich das anders. Nicht, weil sich meine Erkrankung verändert hätte, sondern weil ich den Begriff neu verstanden habe.

Vielleicht hilft dabei ein Bild.

Stellen wir uns vor, wir möchten mit einem Segelboot einen See überqueren. Das Ziel liegt klar vor uns, doch plötzlich dreht der Wind. Niemand käme auf die Idee, sich mitten auf dem Wasser darüber zu ärgern, dass der Wind aus der falschen Richtung weht. Kein Segler würde seine ganze Kraft darauf verwenden, gegen den Wind zu diskutieren. Er würde vielmehr die neue Situation zur Kenntnis nehmen und seine Segel entsprechend setzen.

Das ist Akzeptanz.

Sie bedeutet nicht, das Ziel aufzugeben. Sie bedeutet lediglich, die Realität als Ausgangspunkt des eigenen Handelns anzunehmen.

Vielleicht liegt genau hier der Unterschied zwischen Akzeptanz und Resignation.

Resignation sagt: Es hat keinen Sinn mehr.

Akzeptanz sagt: So ist die Situation im Moment. Was kann ich daraus machen?

Dieser Unterschied mag klein erscheinen. Tatsächlich entscheidet er oft darüber, ob wir uns als Opfer unserer Erkrankung erleben oder ob wir beginnen, wieder Gestaltungsmöglichkeiten zu entdecken.

Chronische Schmerzen stellen uns täglich vor Grenzen. Sie nehmen uns Möglichkeiten, verändern Pläne und zwingen uns manchmal dazu, Abschied von Vorstellungen zu nehmen, die uns lange selbstverständlich erschienen. Daran gibt es nichts schönzureden. Schmerz bleibt Schmerz, und niemand sollte ihn romantisieren.

Doch neben dem eigentlichen Schmerz entsteht häufig noch ein zweiter Kampf – ein Kampf gegen die Tatsache, dass der Schmerz überhaupt existiert. Wir investieren enorme Energie in Gedanken wie: Das darf nicht sein. Warum gerade ich? Erst wenn der Schmerz verschwunden ist, kann mein Leben wieder beginnen.

Diese Gedanken sind zutiefst menschlich. Aber sie binden Kraft. Kraft, die uns anschließend für das fehlt, was trotz allem noch möglich wäre.

Vielleicht beginnt Resilienz genau an dieser Stelle.

Nicht mit Zweckoptimismus und auch nicht mit der Aufforderung, stets positiv zu denken. Resilienz beginnt dort, wo wir aufhören, unsere gesamte Energie in einen aussichtslosen Kampf gegen die Wirklichkeit zu investieren. Erst wenn wir anerkennen, wie die Situation im Moment ist, entsteht überhaupt die Freiheit, über den nächsten Schritt nachzudenken.

Für mich war diese Erkenntnis befreiend. Sie bedeutete keineswegs, meine Hoffnung auf Behandlung oder Besserung aufzugeben. Im Gegenteil. Ich nehme Medikamente in Anspruch, probiere neue therapeutische Ansätze aus und freue mich über jeden Fortschritt. Aber ich habe aufgehört, mein Leben auf die Zeit nach der Erkrankung zu verschieben.

Vielleicht ist genau das der größte Irrtum, den chronische Krankheiten uns einflüstern wollen: dass das eigentliche Leben erst dann beginnen könne, wenn sie verschwunden sind.

Doch was, wenn dieser Tag nie kommt?

Wollen wir dann wirklich warten?

Oder lohnt es sich nicht vielmehr, das Leben auch in seiner Unvollkommenheit anzunehmen und jeden Tag nach Möglichkeiten zu suchen, die trotz aller Einschränkungen bleiben?

Resilienz bedeutet für mich deshalb nicht, besonders stark zu sein. Sie bedeutet auch nicht, Schmerzen tapfer zu ertragen. Resilienz bedeutet vielmehr, sich die Fähigkeit zu bewahren, das eigene Leben weiterhin mitzugestalten – selbst dann, wenn die Rahmenbedingungen alles andere als ideal sind.

Vielleicht ist Akzeptanz deshalb gar nicht das Ende der Hoffnung.

Vielleicht ist sie der Anfang einer neuen Form von Hoffnung.

Nicht der Hoffnung auf ein vollkommen schmerzfreies Leben.

Sondern der Hoffnung auf ein erfĂĽlltes Leben, das sich nicht ausschlieĂźlich ĂĽber die Abwesenheit von Schmerz definiert.

Denn manchmal verändert Akzeptanz nicht die Krankheit.

Aber sie verändert den Menschen, der ihr begegnet.

Und das kann am Ende nicht nur der größere, sondern der entscheidende Schritt sein. Manchmal verändert ein Perspektivwechsel nicht die Wirklichkeit – aber unser Leben mit ihr.

In diesem Sinne wĂĽnsche ich Ihnen eine gute Woche.

Ihr

Michael A. Ăśberall
Präsident der Deutschen Schmerzliga e.V.

Wenn Sie uns Ihre Meinung dazu mitteilen wollen,
dann schreiben Sie uns gerne an:

info@schmerzliga.de
Stichwort: Perspektivwechsel #2 (Resilienz)

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