Perspektivwechsel #1: Warum ich gar nicht migrÀnefrei werden möchte
Vielleicht denken wir in der Schmerzmedizin manchmal in die
falsche Richtung.
Wenn von MigrĂ€ne die Rede ist, sprechen wir fast immer ĂŒber Schmerzen. Ăber Ăbelkeit, Lichtempfindlichkeit, ArbeitsausfĂ€lle und Medikamente. Wir sprechen ĂŒber das, was die Erkrankung uns nimmt.
Das ist verstÀndlich.
Aber vielleicht erzÀhlen wir damit nur die halbe Geschichte.
Ich lebe selbst seit vielen Jahren mit MigrĂ€ne. NatĂŒrlich wĂŒnsche ich mir keine Attacken. Auf die Schmerzen, die Ăbelkeit oder die Tage, an denen mein Gehirn scheinbar den Dienst verweigert, könnte ich gut verzichten.
Trotzdem wĂŒrde ich auf die Frage, ob ich migrĂ€nefrei sein möchte, heute nicht mehr ohne Zögern mit âJaâ antworten.
Denn je intensiver ich mich mit der Neurobiologie der MigrÀne beschÀftigt habe, desto hÀufiger stellte ich mir eine ganz andere Frage:
Was wÀre, wenn das MigrÀnegehirn gar nicht kaputt ist?
Was wÀre, wenn es schlicht anders arbeitet?
Die Forschung zeigt seit vielen Jahren, dass sich das Gehirn von Menschen mit einer MigrĂ€nedisposition in seiner Reizverarbeitung von dem anderer Menschen unterscheidet. Es habituert schlechter â das heiĂt, es gewöhnt sich an wiederkehrende Reize weniger stark. Es bleibt lĂ€nger aufmerksam, verarbeitet SinneseindrĂŒcke anders und reagiert empfindlicher auf VerĂ€nderungen seiner inneren und Ă€uĂeren Umwelt.
Meist betrachten wir genau diese Eigenschaften ausschlieĂlich unter dem Blickwinkel der Attacke.
Zu Recht.
Denn wenn das System ĂŒberlastet wird, können daraus heftige Kopfschmerzen, Licht- und GerĂ€uschempfindlichkeit oder andere neurologische Symptome entstehen.
Aber vielleicht lohnt sich eine zweite Frage.
Warum sollte die Natur ein solches Gehirn ĂŒberhaupt hervorgebracht haben?
Eine genetische Disposition, die bei etwa jedem siebten Menschen vorkommt, verschwindet normalerweise nicht einfach im Laufe der Evolution. Das bedeutet nicht, dass MigrĂ€ne einen evolutionĂ€ren Vorteil haben muss. Aber es lĂ€dt dazu ein, darĂŒber nachzudenken, ob dieselben neurobiologischen Eigenschaften, die unter ungĂŒnstigen Bedingungen zu einer MigrĂ€neattacke fĂŒhren, unter anderen Bedingungen auch StĂ€rken sein könnten.
Vielleicht gehören eine erhöhte Aufmerksamkeit fĂŒr VerĂ€nderungen, eine intensivere Wahrnehmung oder eine besondere SensibilitĂ€t fĂŒr Umweltreize ebenfalls zu diesem Gesamtbild. Vielleicht ist genau diese Form der Informationsverarbeitung in vielen Situationen sogar hilfreich. Die Wissenschaft kann darauf heute noch keine abschlieĂenden Antworten geben. Aber allein die Frage verĂ€ndert bereits unseren Blick auf die MigrĂ€ne.
Ich stelle mir das manchmal wie einen Computer vor.
Ein Hersteller entwickelt einen völlig neuen Hochleistungsprozessor. Er verarbeitet deutlich mehr Informationen gleichzeitig als das VorgÀngermodell. Genau deshalb wird er eingebaut: weil er leistungsfÀhiger ist.
Beim Einbau geschieht allerdings ein Fehler.
Der Prozessor ist neu.
Das ĂŒbrige System bleibt alt.
Die Stromversorgung wird nicht angepasst. Das KĂŒhlsystem stammt noch aus der vorherigen Generation. Auch die Regelmechanismen, die Lastspitzen abfangen sollen, sind fĂŒr die neue LeistungsfĂ€higkeit eigentlich zu schwach ausgelegt.
Solange der Rechner nur mĂ€Ăig belastet wird, arbeitet er hervorragend â vielleicht sogar besser als alle anderen.
Steigt die Belastung jedoch dauerhaft an, beginnt das System zu ĂŒberhitzen. Schutzmechanismen greifen ein. Die Leistung wird gedrosselt oder der Rechner schaltet sich ganz ab.
Nicht, weil der Prozessor schlecht wÀre.
Sondern weil das Gesamtsystem mit seiner LeistungsfÀhigkeit nicht Schritt halten kann.
Welcher Ingenieur wĂŒrde jetzt sagen: Dann bauen wir eben wieder den alten Prozessor ein.
Vermutlich keiner.
Er wĂŒrde sagen:
âDann mĂŒssen wir das System an den Prozessor anpassen.â
Genau darin liegt fĂŒr mich das Bild einer modernen MigrĂ€netherapie.
Ich möchte meinen âProzessorâ gar nicht austauschen.
Ich möchte verstehen, wie mein System funktioniert.
Ich möchte seine Regelmechanismen unterstĂŒtzen, seine Belastungsgrenzen kennen und verhindern, dass es immer wieder in den Ăberlastungsmodus gerĂ€t.
Genau das tun wir letztlich mit einer guten MigrĂ€netherapie. Wir verbessern den Schlaf, reduzieren Stress, fördern regelmĂ€Ăige Bewegung, achten auf einen stabilen Tagesrhythmus und setzen â wenn nötig â moderne Medikamente ein. Nicht, um aus einem besonderen Gehirn ein durchschnittliches zu machen. Sondern damit dieses Gehirn seine besonderen Eigenschaften entfalten kann, ohne stĂ€ndig an seine Grenzen zu geraten.
Dieser Perspektivwechsel hat mein VerhÀltnis zur MigrÀne grundlegend verÀndert.
Ich kÀmpfe nicht mehr gegen mein Gehirn.
Ich lerne, mit ihm zusammenzuarbeiten.
Das bedeutet keineswegs, die Erkrankung zu romantisieren. Eine MigrÀneattacke bleibt eine schwere neurologische Erkrankung. Sie verursacht Leid, schrÀnkt LebensqualitÀt ein und muss ernst genommen und behandelt werden.
Aber ich möchte auch vermeiden, meine MigrĂ€ne ausschlieĂlich als Defekt zu betrachten.
Sie ist Teil meiner biologischen Ausstattung.
Wie bei jeder Ausstattung gibt es Eigenschaften, die mir helfen â und andere, die mich verletzlich machen.
FĂŒr mich besteht Resilienz deshalb nicht darin, mir ein anderes Gehirn zu wĂŒnschen.
Resilienz bedeutet, das eigene Gehirn so gut zu verstehen, dass seine StÀrken erhalten bleiben und seine SchwÀchen möglichst wenig Schaden anrichten.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darĂŒber sprechen, wie wir MigrĂ€ne besiegen.
Und hĂ€ufiger darĂŒber, wie wir mit einem MigrĂ€negehirn gut leben können.
Denn mein Ziel ist nicht, ein anderer Mensch zu werden.
Mein Ziel ist, die KollateralschĂ€den meiner MigrĂ€ne so klein wie möglich zu halten â und dabei dennoch all das zu bewahren, was mich zu dem Menschen macht, der ich bin: keiner, der seine MigrĂ€ne los werden möchte, sondern einer der mit seiner MigrĂ€ne im Einklang leben möchte.