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DSL-Newsletter - Gesundes Wissen Online, 14.07.2026

Wenn der Doktor selbst zum Doktor muss ...

Wenn der Doktor selbst zum Doktor muss …

Es gehört zu den eher seltenen Naturereignissen: Ein Arzt sitzt im Wartezimmer. Nicht als Begleitperson, nicht auf dem Weg zur Visite, sondern als Patient.

Spätestens in diesem Moment zeigt sich, dass Mediziner zwar hervorragende Ärzte sein können – als Patienten aber häufig eine ganz eigene Spezies darstellen.

Schon der Weg in die Praxis fällt vielen schwer. Schließlich kennt man sich aus. Man weiß, welche Krankheit hinter den Beschwerden stecken könnte. Oder besser gesagt: hinter den zwanzig Krankheiten, die theoretisch infrage kommen. Also wird zunächst selbst diagnostiziert, abgewartet, Medikamente aus dem eigenen Fundus ausprobiert oder der befreundete Kollege zwischen zwei Meetings um eine "kurze Einschätzung" gebeten. Zum Arzt? Das kann doch noch warten …

Irgendwann gewinnt jedoch die Vernunft. Oder der Ehepartner. Oder das Fieber.

Und dann beginnt ein Rollentausch, der für viele Ärzte ungewohnt ist.

Plötzlich sitzt man im Wartezimmer und stellt fest, dass auch Kolleginnen und Kollegen Termine nicht auf die Minute einhalten. Man wartet. Genau wie alle anderen. Man wird aufgerufen. Man zieht sich um. Man trägt diese legendären Krankenhaushemden, bei denen man nie so genau weiß, welcher Teil des Körpers eigentlich bedeckt sein soll. Und plötzlich ist man derjenige, der Antworten sucht, statt sie zu geben.

Besonders spannend wird es während des Gesprächs.

Der Arzt als Patient hört aufmerksam zu – und führt gleichzeitig im Kopf eine zweite Sprechstunde. Wurden wirklich alle Differenzialdiagnosen bedacht? Warum wurde genau dieses Medikament gewählt? Wäre eine Bildgebung nicht sinnvoll? Oder doch erst Labor? Die Versuchung, selbst mitzudenken oder den Kollegen dezent auf Leitlinien hinzuweisen, dürfte groß sein.

Manche Mediziner verraten deshalb lieber gar nicht, dass sie selbst Ärzte sind. Andere sagen es sofort. Beides hat Vor- und Nachteile. Denn sobald der behandelnde Arzt weiß, dass ihm ein Kollege gegenübersitzt, verändert sich häufig auch die Kommunikation. Es wird medizinischer, detaillierter – manchmal aber auch komplizierter.

Und dann gibt es noch eine Gemeinsamkeit mit ganz normalen Patienten: Auch Ärzte verdrängen Symptome. Auch sie hoffen gelegentlich, dass Beschwerden schon wieder verschwinden. Auch sie schieben Vorsorgeuntersuchungen vor sich her, arbeiten trotz Fieber oder ignorieren Warnsignale des eigenen Körpers.

Mit einem kleinen Unterschied: Sie wissen meist sehr genau, warum sie das eigentlich nicht tun sollten.

Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Erkenntnis.

Kranksein macht keinen Unterschied zwischen Ärzten und Patienten. Schmerzen bleiben Schmerzen. Unsicherheit bleibt Unsicherheit. Das Warten auf einen Befund fühlt sich für einen Chefarzt nicht anders an als für einen Rentner oder eine Büroangestellte.

Vielleicht ist genau das der größte Gewinn eines Arztbesuchs für einen Arzt: Er erlebt einmal selbst, wie sich die andere Seite des Schreibtisches anfühlt. Wie wichtig verständliche Erklärungen sind. Wie beruhigend es sein kann, ernst genommen zu werden. Und wie unangenehm es ist, wenn über den eigenen Kopf hinweg gesprochen wird.

Für uns als Patientinnen und Patienten ist das vielleicht sogar eine tröstliche Nachricht: Auch Ärzte sind nur Menschen. Sie haben dieselben Sorgen, dieselben Ängste und manchmal dieselben schlechten Angewohnheiten wie wir alle.

Doch wenn das so ist – warum fühlen sich Patientinnen und Patienten im Arztkontakt dann mitunter nicht wirklich verstanden?

Vielleicht, weil zwischen dem Wissen um eine Krankheit und dem Erleben einer Krankheit ein entscheidender Unterschied besteht. Wer täglich Krankheiten diagnostiziert und behandelt, blickt zwangsläufig mit einer professionellen Distanz auf Symptome, Befunde und Therapien. Wer selbst betroffen ist, erlebt dagegen Schmerzen, Unsicherheit, Ängste und die vielen kleinen Einschränkungen des Alltags. Diese Perspektiven sind nicht automatisch deckungsgleich.

Gerade chronisch kranke Menschen wissen, wie wichtig es ist, nicht nur medizinisch korrekt behandelt, sondern auch gesehen und ernst genommen zu werden. Ein verständliches Gespräch, ein offenes Ohr und das Gefühl, dass sich jemand wirklich Zeit nimmt, sind oft genauso wertvoll wie das richtige Medikament.

Vielleicht liegt genau darin der eigentliche Wert der Erfahrung, selbst einmal Patient zu sein. Wer die andere Seite des Schreibtisches kennengelernt hat, erinnert sich später vielleicht daran, wie lang zehn Minuten im Wartezimmer werden können, wie belastend das Warten auf einen Befund ist oder wie gut ein einfacher Satz tun kann: „Ich verstehe, dass Sie sich Sorgen machen.“

Wenn diese Erfahrung dazu beiträgt, dass aus guten Ärzten noch empathischere Ärzte werden, dann hatte der unfreiwillige Rollenwechsel am Ende vielleicht sogar etwas Gutes.

Vielleicht sollte jeder Arzt hin und wieder Patient sein – nicht, um Medizin zu lernen, sondern um sich daran zu erinnern, wie sich Medizin anfühlt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen, dass Sie im Falle eines Falles bevorzugt auf einen Arzt oder eine Ärztin treffen, die sich Ihrem Gesundheitsproblem dank eigener Erfahrungen empathisch annimmt.

Ihr

Michael A. Überall
Präsident der Deutschen Schmerzliga e.V.

Wenn Sie uns Ihre Meinung dazu mitteilen wollen,
dann schreiben Sie uns gerne an:

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Stichwort: Wenn der Doktor selbst zum Doktor muss

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